Die Fakultät für Mathematik und Informatik ist die jüngste der fünf Fakultäten der Universität Passau. Im Spektrum der Fakultäten, Katholisch-Theologische Fakultät, Philosophische Fakultät, Rechtswissenschaftliche Fakultät und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, nimmt sie eine Sonderrolle ein; sie liefert eine mathematische und eine ingenieurwissenschaftliche Komponente.
Der Einrichtung des Diplomstudiengangs Informatik gingen Planungen und Vorbereitungen voraus, die mit der Stellenausschreibung von drei Lehrstühlen aus dem Bereich der Mathematik und sechs Lehrstühlen aus dem Bereich der Informatik im August 1982 zutage traten. Der Struktur- und Berufungsausschuß erarbeitete bis Dezember 1982 Vorschlagslisten, aufgrund derer sieben Stellen unmittelbar besetzt werden konnten. Zum 1.1.1985 waren acht Professuren besetzt und damit die Fakultätsstärke erreicht. Bis 1987 gelang es, 14 von 15 Professorenstellen zu besetzen, einschließlich der Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Algebra. Zwei dieser Stellen im Bereich der Mathematik waren im ursprünglichen Stellenplan nicht vorgesehen und wurden der Fakultät im Rahmen des Fiebiger Plans zugesprochen. Die Tatsache, daß fast alle Professuren auf Anhieb besetzt werden konnten, ist ein Glücksfall für die Fakultät. Dies ist vor dem Hintergrund des gleichzeitig erfolgten starken Ausbaus der Informatik zu sehen, in dessen Folge bundesweit zeitweise jede dritte Informatikstelle unbesetzt war. Die erste Aufbauphase verlief demzufolge günstiger und kontinuierlicher als bei anderen Informatik-Neugründungen.
Der gute Trend bei Stellenbesetzungen hielt auch an, als ab 1988 insgesamt 14 Rufe an die an der Fakultät tätigen Professoren ergingen. So ehrenvoll diese Rufe auch sind, bezeugen sie doch das hohe Ansehen anderenorts, so kommt im Fall einer Wegberufung eine doppelte Belastung auf die Fakultät zu. Es muß ein neuer Stelleninhaber gefunden und berufen werden und in der Übergangszeit sind Lehranteile und Aufgaben einschließlich der Berufungsausschüsse von anderen Fakultätsmitgliedern zu übernehmen. Dies traf die Fakultät umso härter, als 1991/92 drei Lehrstühle für Informatik wiederzubesetzen waren und gleichzeitig starke Studentenjahrgänge ins Hauptstudium und die Diplomphase drängten. Durch Vertretungen der Stellen und zügig durchgezogene Berufungsverfahren konnte auch diese bislang schwierigste Phase überwunden werden. Aktuell sind alle zehn Lehrstühle und drei von fünf C3-Professuren besetzt. Eine unrühmliche Ausnahme stellt eine C3-Stelle für Informatik dar. Nach zwei ,,geplatzten Listen``konnte sie 1992 erstmalig besetzt werden, aber nur für zwei Semester. Inzwischen wurde zum vierten Mal eine Liste erstellt. Die Wiederbesetzung dieser Stelle und der zur Zeit vakanten C3-Stelle für Mathematik sollte in Kürze erfolgen, so daß dann erstmalig alle Professorenstellen besetzt wären.
Die Fakultät für Mathematik und Informatik fand alsbald die Anerkennung durch die Informatik-Fakultäten der anderen deutschen Universitäten. Schon 1984 wurde die Universität Passau als Mitglied in den Fakultätentag Informatik aufgenommen. Nach der Einrichtung des Diplom-Studiengangs Mathematik erfolgte 1992 die Aufnahme in den Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultätentag. Unter den Einrichtungen an Universitäten und Technischen Hochschulen, die den Diplomstudiengang Informatik anbieten, zählt die Passauer Fakultät mit neun Professuren für Informatik heute zu den kleineren. Dies gilt auch bezüglich der personellen Ausstattung sowohl bei den wissenschaftlichen, wie den nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern. Der ursprüngliche Stellenplan hatte je Lehrstuhl nur zwei Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter und eine halbe Sekretärinnenstelle vorgesehen. Mehrere in den Jahren 1984 bis 1987 vorgelegte Ausbaukonzepte der Fakultät fanden leider keinen Widerhall. Diese schmale personelle Basis konnte Dank des besonderen Einsatzes der Universitätsleitung punktuell verbessert werden, meist im Zusammenhang mit Berufungs- und Bleibeverhandlungen. Doch im Vergleich mit den großen Universitäten verfügt die Passauer Fakultät über keine gleichrangige personelle Ausstattung.
Nach der anfänglichen Unterbringung der Lehrstühle in Häusern in der Graf-Salm-Straße, die inzwischen für die Sporthalle abgerissen wurden, und in der Innstraße 53 und der Auslagerung des Fakultätsrechners VAX 11/750 in das Gebäude der Katholisch-Theologischen Fakultät, erfolgte im Sommersemester 1984 der Umzug ins damals gerade fertiggestellte GW II. Den Kollegen der Wirtschaftswissenschaften sei an dieser Stelle dafür gedankt, daß sie den Einzug in ihr Gebäude um mehrere Jahre zurückstellten. Da nicht alle Stellen besetzt waren, war hier die Raumsituation anfänglich entspannt. Es konnten zeitweise sogar Räume für die studentischen Hilfskräfte bereitgestellt werden. Dies änderte sich rasch mit den weiteren Besetzungen der Professuren, den dazugewonnenen Drittmittelstellen sowie der Aufstellung von Arbeitsplatzrechnern. Zum Wintersemester 1988/89 konnte das der Fakultät zugedachte Gebäude Innstraße 33 bezogen werden. Doch in diesem architektonisch ansprechenden Gebäude war es aufgrund des gestiegenen Raumbedarfs von Anfang an eng - eine Situation, die nicht nur diese Fakultät trifft. Durch Flexibilität, Entgegenkommen und mühevoller Kleinarbeit konnte bisher die Unterbringung sichergestellt werden.
Über die vergangenen zehn Jahre hinweg kann die Rechnersituation der Fakultät hinsichtlich Kapazität und technischem Stand als gut bewertet werden (siehe dazu Kapitel 4). Mit der Aufnahme des Lehrbetriebs im WS 1983/84 stand der Informatikrechner VAX 11/750 zur Verfügung. Eine VAX galt seinerzeit als ,,der Fakultätsrechner``schlechthin. Für die Forschung und die Ausstattung der Lehrstühle waren Mehrplatzsysteme vorgesehen. Hier fiel die Entscheidung auf SUN Workstations, was sich im Nachhinein als goldrichtig herausgestellt hat. Als erste deutsche Universität bestellte Passau 1985 SUN-3 Workstations. Diese wurden vernetzt und hatten eine ,,diskless``Maschine und einen Server. Daß dies problemlos funktionierte war Anfang 1986 bei weitem nicht alltäglich. Bei den Bürosystemen wurden schon ab 1984 überwiegend Apple Macintosh-Rechner beschafft; auch dies hat sich als guter Griff erwiesen. Diese vorrausschauende Gerätepolitik hat Zeit und Kosten für Umrüstungen und Anpassungen eingespart. Die in der ersten Phase beschafften Systeme wurden inzwischen ersetzt, im Zuge von Beschaffungsmaßnahmen ergänzt und dem neuesten Stand angepaßt.
Sehr gute Arbeitsvoraussetzungen bieten sich der Fakultät hinsichtlich der Bibliothek. Dies gilt für den Buchbestand und für Zeitschriften, wo alle für die Passauer Forschungsrichtungen wichtiger Fachjournale am Ort verfügbar sind.
Im Wintersemester 1983/84 begannen 76 Studierende ihr Studium im Diplomstudiengang Informatik mit dem Nebenfach Wirtschaftswissenschaften. Sie hatten sich über die ZVS um einen Studienplatz in Informatik beworben bzw. bewerben müssen. Etwa die Hälfte von ihnen hatte Passau nicht als Wunsch-Studienort angegeben. Sie wurden aufgrund des Allgemeinen Verteilungsverfahrens nach Passau verschickt. Dies gilt auch für die nachfolgenden Jahrgänge bis 1992. Das Verteilungsverfahren und der große Andrang auf das Informatik-Studium führten zu einem raschen Anstieg der Studentenzahlen. Schon 1987 wurde in Passau die vorgegebene Planzahl von 400 Studierenden überschritten und 1990/91 mit 816 der (vorläufige) Höhepunkt erreicht. Aufgrund des zwischenzeitig bundesweit erfolgten Ausbaus der Kapazitäten und eines leichten Rückgangs der Bewerber für den Studiengang Informatik gibt es bei den Studienanfängern derzeit keinen Überhang mehr. Auch in Informatik können Studienanfänger zukünftig ihren Studienort wählen. Hier gilt es, die Attraktivität auch durch ein möglichst breites Angebot zu erhöhen und dem Standortnachteil entgegenzuwirken. Dies hat die Fakultät von Anfang an getan und die in Passau gegebenen Möglichkeiten maximal genutzt. Dabei ist sie auch auf die Mithilfe anderer angewiesen, die ihr innerhalb und außerhalb der Universität gewährt wurde. So konnte die Palette der Studienmöglichkeiten stark verbreitert werden. Seit dem Wintersemester 1990/91 gibt es auch den Diplomstudiengang Mathematik. Nachdem anfänglich nur das Nebenfach Wirtschaftswissenschaften zugelassen war, stehen heute zwölf Nebenfächer zur Wahl, nämlich Linguistik, Mathematik bzw. Informatik, Medizinische Informatik, Rechtswissenschaften, Angewandte Statistik und Wirtschaftswissenschaften. Im Rahmen besonderer Regelungen sind auch Anglistik, Politologie, Psychologie, Südostasienkunde und Geographie als Nebenfächer möglich, und ab dem WS 1993/94 auch Elektrotechnik. Bemerkenswert ist dabei, daß die Lehrleistungen zu den Nebenfächern Medizinische Informatik und Elektrotechnik nicht aus der Universität Passau heraus erbracht werden können, da sie keine entsprechenden Einrichtungen hat. Die Lehrleistungen in Medizinischer Informatik werden von Dozenten am Klinikum Passau erbracht; das Nebenfach Elektrotechnik wird über die Fern-Universität Hagen beigesteuert.
Inhaltlich bietet der Diplomstudiengang Informatik eine Ausbildung in den zentralen Gebieten der Informatik auf der Basis solider formaler Methoden. Dies gewährleistet eine langfristige Sicherung gegen die schnellebige Entwicklung in der Informatik. Auf dieser Grundlage werden Anwendungen und Spezialisierungen im Rahmen der an der Fakultät ausgeprägten Forschungsrichtungen im Hauptstudium aufgesetzt und vertieft. Die zentralen Bereiche der Informatik sind dabei in Passau vertreten. Derzeit bietet die Fakultät neun Vertiefungsgebiete an, aus denen jeder Student seinen Schwerpunkt auswählen kann. Zusammen mit den Nebenfächern ergeben sich damit Wahlmöglichkeiten zur Gestaltung des Studiums nach individuellen Interessen. Dieses Spektrum steht dem der großen Informatik Einrichtungen kaum nach. Durch die Prüfungs- und Studienordnung wird die erforderliche Breite des Studiums sichergestellt. Zur jeweils aktuellen Information der Studenten gibt die Fakultät in jedem Semester ein kommentiertes Vorlesungsverzeichnis heraus, welches auf ca. 50 Seiten alle relevanten Angaben zu den Lehrveranstaltungen enthält.
Der Diplomstudiengang Mathematik ist noch im Aufbau begriffen. Er ist anwendungsorientiert und informatiknah konzipiert. Dies zeichnet ihn gegenüber anderen Mathematik-Studiengängen aus. Über die Lehrveranstaltungen für die Diplomstudiengänge Informatik und Mathematik hinaus bietet die Fakultät eine Zusatzqualifikation im Fach Informatik zu Entwurf und Technik höchstintegrierter Schaltungen an. Die hinsichtlich der Teilnehmerzahl größte Lehrveranstaltung der Fakultät ist jedoch die ,,Informatik für Nichtinformatiker``. Sie vermittelt Studenten der Wirtschaftswissenschaften, der Rechtswissenschaften und des Diplomstudiengangs Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien einen Einstieg in die Informatik, der in speziellen, fachorientierten Praktika vertieft wird. Außerdem wird die Informatik-Ausbildung im Rahmen der Studiengänge für Magister und des Lehramts angeboten.
Zur Erleichterung des Einstiegs in das Studium findet seit 1992 vor Beginn des Wintersemesters ein Vorkurs Informatik und Mathematik für Studienanfänger statt. Darüberhinaus gibt es einen Anreiz für ein effektives Studium. Im Rahmen der Übergabe der Diplome zeichnet die Fakultät den jeweils Jahrgangsbesten mit dem mit DM 500 dotierten Preis der Fakultät aus. Dabei werden die Studiendauer und die Gesamtnote berücksichtigt. Dies sind zusätzliche Beiträge der Fakultät zur Verkürzung der Studienzeiten.
Bis 1983 war Passau ein weißer Fleck auf der Landkarte der Informatik und Mathematik. Die Frage, ,,Wo liegt Passau?``, konnten seinerzeit nur die Fachkollegen beantworten, die in ihrem Geographie-Unterricht gut aufgepaßt hatten. Dies hat sich aufgrund vielfältiger Aktivitäten und erfolgreicher Forschungsarbeiten von Grund auf geändert. Publikationen Passauer Wissenschaftler finden sich in fast allen international anerkannten Fachzeitschriften; entsprechendes gilt für Fachkongresse, auf denen neue Resultate präsentiert wurden.
Zahlreiche Einladungen zu Forschungsaufenthalten und Gastaufenthalte ausländischer Fachkollegen einschließlich zweier Humboldt-Preisträger in Passau sind Ausdruck für ein besonderes Interesse an den an der Fakultät tätigen Forschern. Einen guten Klang erhielt der Name Passau auch durch die Durchführung internationaler Workshops und Konferenzen. Die gute Atmosphäre ist vielen Teilnehmern im Gedächnis geblieben. In diesem Zusammenhang ist auf die Kooperation zwischen den Fakultäten für Mathematik und Informatik der Karlsuniversität Prag und Passau zu verweisen. Im Rahmen der bestehenden Partnerschaft werden seit 1988 jährlich ein Workshop und ein Wissenschaftleraustausch durchgeführt.
Erfolge kann die Fakultät auch durch ihre Mitwirkung an europäischen Verbundprojekten im Rahmen von ESPRIT vorweisen. Projekte mit Passauer Beteiligung hatten u.a. Methoden zur Programmentwicklung und zur Spezifikation von Systemen zum Gegenstand, andere waren mit der Entwicklung neuartiger Datenbankkonzepte oder der Verbesserung der Zuverlässigkeit beim Entwurf von Hardware befaßt. An diesen Projekten waren bzw. sind jeweils Partner von Industrie und Universitäten aus mehreren europäischen Ländern beteiligt. Im Rahmen des von BMFT geförderten EIS Projekts wurde 1987 ein Chipentwurfszentrum an der Universität Passau durch die Firma Siemens geschaffen, welches Ausbildungs- und Forschungszwecken dient. In Passau entworfene Spezialchips wurden wiederholt bei Siemens gefertigt.
In der Bilanz der Forschungsaktivitäten soll ein herber Rückschlag nicht verschwiegen werden. Der Ende 1986 gemeinsam von Mitgliedern der Fakultät für Mathematik und Informatik und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät gestellte Antrag auf einen DFG-Sonderforschungsbereich ,,Interaktive, Entscheidungsunterstützende Systeme``wurde nicht genehmigt.
Thematisch breit gefächert sind aktuelle Forschungsprojekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden. Diese sind grundlagen-orientiert und befassen sich mit prinzipiellen Problemstellungen aus Informatik und Mathematik. Diese Projekte beschäftigen sich z.B. mit Spezialsystemen zur Logiksimulation, Layoutgestaltungen graphischer Objekte, Datenbankprototypen, der Computeralgebra oder der mathematischen Modellierung stochastischer Evolutionsphänomene. Die hier erzielten Ergebnisse werden nicht nur in Fachkreisen bekannt gemacht. Auf der Cebit in Hannover, der größten Computerfachmesse der Welt, präsentiert die Fakultät seit 1988 im Verbund mit den anderen bayerischen Universitäten Konzepte und Prototyp-Systeme unter dem Titel ,,Entwurfshilfen für komplexe Informatiksysteme``. Systeme zur Simulationstechnik bzw. der Softwaretechnik wurden auf den Frühjahrsmessen in Hannover und Leipzig vorgestellt.
Neben der Grundlagenforschung im internationalen Rahmen wird an der Fakultät in zunehmenden Maße angewandte Forschung in Kooperation mit industriellen Partnern aus der Region betrieben. So ist Passau einer von drei Standorten im Bayerischen Forschungszentrum für Wissensbasierte Systeme, FORWISS, und im Bayerischen Forschungsverbund Systemtechnik, FORSYS. Hier laufen u.a. Forschungsvorhaben zur Bildauswertung in der MR-Tomographie, zur Steuerung von Werkzeugmaschinen durch Expertensysteme und zu Simulationssystemen für Abwasserreinigungsanlagen und eine Modellgestützte Regionalplanung. An zwei Lehrstühlen wird an Planungssystemen für den Einsatz von Fahrzeugen und die Fahrerplanung gearbeitet sowie an Methoden zur Bildauswertung über Schäden im Öko-System Wald. Diese Arbeiten sind ein Beitrag im Sinne des Technologie-Transfers zwischen der Universität und der regionalen Industrie.
Prof. Dr. Franz-Josef Brandenburg, Dekan